Die eigenen Ressourcen stärken, um neue Wege zu gehen

Die eigenen Ressourcen stärken, um neue Wege zu gehen

29. September 2021

 

Liebe Leserinnen und Leser

 

Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Sommer und freue mich, Sie mit einem weiteren Newsletter in den Herbst zu begrüssen. Ich durfte in den letzten Monaten spannende und inspirierende Gespräche führen mit Jugendlichen und Erwachsenen, die selbstbestimmt ihren Weg gehen möchten. Es ist immer wieder faszinierend mitzuerleben, wie schnell sich etwas bewegt und verändert, wenn es den Klientinnen und Klienten gelingt, ihre Energie statt ins Problem, in die Lösung zu stecken.

 

Warum der Name Diagonal, hat mich Regula Portillo gefragt. Meine spontane Antwort: Das Leben ist manchmal einfach ein bisschen schräg… Was mir dabei wichtig ist: Es geht immer nach oben, und zwischen den beiden Polen, schwarz und weiss, erstreckt sich eine riesige farbige Palette, die es zu entdecken und entfalten gilt. Ähnlich wie beim chinesischen Zeichen Yin und Yang gehören die beiden Hälften zusammen. Wo ein Problem, sind irgendwo auch eine Lösung und Perspektiven. In diesem Sinn

wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Herbst.

 

Herzlich

Ihre

Viviane Bader-Mäder

 


 

Die eigenen Ressourcen stärken, um neue Wege zu gehen

Ich verlasse die Praxis von Viviane Bader. Dass ich eine andere Richtung einschlage als die, aus der ich hergekommen bin, fällt mir erst später auf. Sowohl mein Kopf als auch die Seiten meines Notizbuches sind voller Gedanken und Stichworte, die mich so schnell nicht loslassen werden.

Zuvor, als Viviane mich in ihrem schön gelegenen, hellen Praxisraum begrüsste, habe ich mir vorgestellt, ich wäre eine Klientin bei einem Ersttermin. Ich würde versuchen, mein Problem als Thema zu betrachten und damit einen Handlungsspielraum zu öffnen, in dem die Lösung implizit mitschwingt, während der Begriff «Problem» in sich geschlossen bleibt. Lösungsorientiert, ganzheitlich und systemisch sind drei Schlüsselbegriffe der HEB-Methode, nach der Viviane arbeitet. HEB steht für die Bereiche Handeln, Erkennen und Beziehung, in denen wir uns bewegen. «Kommt jemand mit einem Problem, trägt er die Lösung bereits in sich, und gemeinsam versuchen wir, diese Schicht für Schicht hervorzuholen», erklärt Viviane. Alle sind Experten ihrer selbst und schildern eine Situation gemäss ihrer eigenen Wirklichkeit – was dem philosophischen Ansatz des Konstruktivismus entspricht. Demnach können Lösungen nicht von aussen an jemanden herangetragen werden, sondern müssen innerhalb der persönlichen Wirklichkeit stimmig sein.

Zurück zu meinem Ersttermin, bei dem ich und mein Thema möglicherweise wären: Eine Schülerin, die mitten in einer Stress- oder Konfliktsituation mit ihren Mitschülerinnen steckt; eine Person, die beruflich keine Perspektiven sieht, in ein Burnout hineinschlittert oder jemand, der an Schlaflosigkeit leidet und nicht weiß warum, oder sich im familiären Umfeld in eine Ecke gedrängt fühlt, aus der er sich befreien möchte. Vielleicht wäre ich auch einfach ich – und wünschte mir, einige meiner Glaubensmuster abzulegen und durch neue zu ersetzen; ein wichtiger Prozess auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmtheit. «Häufig suchen wir die Antworten im Aussen, statt in uns hineinzuhören», sagt Viviane. «Dabei können sich neue Welten auftun, wenn wir uns getrauen, über die eigenen Grenzen hinauszudenken.» Doch wie gelingt das? Oft in kleinen, systematischen Schritten: Jetzt bin ich hier – und dort möchte ich hin. Was brauche ich, um von A nach B zu kommen? Welche meiner persönlichen Ressourcen helfen mir auf diesem Weg?

Ginge mein Ersttermin dann dem Ende entgegen, würde ich mich von Viviane verabschieden, die Sitzung voller Gedanken und Sätze verlassen. Ich würde aus dem Haus gehen und ohne es anfangs zu merken, eine andere Richtung einschlagen.



Regula Portillo (* 1979) lebt und arbeitet als Texterin und Autorin in Bern. Für ihren zweiten Roman Andersland (2020) erhielt sie den Literaturpreis des Kantons Bern. 

www.regulaportillo.com